Der 140. Geburtstag

Die Geburtstags- grüße im Überblick

Helfende Freunde

Unsere Freundschaft hat ziemlich genau vor 30 Jahren, im Juli, 1975 begonnen, in der Zeit als wir Haus Geist bezogen. Damals war der gesamte erste Stock noch eine Baustelle, auf den Fußböden lag Schutt. Wir hatten an dem Nachmittag alle Fenster geöffnet und waren mit allerlei Besen und großem Elan dabei, Mörtel und kleinere Steinbrocken zusammenzufegen, um die Räume besenrein zu machen. Das war die Situtation als die Wittes mit ihren Kindern unten im Hof standen und zu den offenen Fenstern heraufgrüßten.

Damals waren wir noch so jung und begeistert, dass es uns gelungen war, in diesem schönen alten Haus leben zu können, dass wir jeden Besucher an unser Herz drückten und ins Haus einluden. – Also standen wir Augenblicke später alle zusammen auf dem Flur. Ich vermute, wir erzählten sehr couragiert von unseren Absichten, diese alte Arche mit Geschmack einzurichten. Hier auf dem Flur würden die Truhen stehen, dort zwischen den Fenstern, aber so, dass die Sonne sie nicht erreichen konnte, die Grafiken von Horst Janssen und Käthe Kollwitz. Im Bad würde ein Kupferstich-Kabinett eingerichtet werden und so weiter. Es war Horst, der als erster mit den Füßen wieder in der staubigen Realität landete. "Alles schön und gut, aber wie wollen Sie diesen 17 Meter langen Flur sauber kriegen?" Was wir dafür vorgesehen hatten bestand aus Schrupper und Bürste, auf den Knieen liegend, sowie dem Staubsauger aus der Dortmunder Mietwohnung. Die beiden Wittes schauten uns verwundert an und amüsierten sich über so viel weltfremden Idealismus. "Hören Sie," sagte Horst schließlich, "wir haben da einen soliden Industriestaubsauger. Und morgen Abend um diese Zeit bin ich mit dem einen oder anderen unserer Söhne und dem großen Allesfresser wieder zur Stelle, und der räumt weg. Kein Staub und den Müll entsorgen wir in den Container." Wunderbar! Tatsächlich am nächsten Abend erschienen Horst und Christoph. Im Handumdrehen verschluckte der Industriestaubsauger den Müll und in knapp zwei Stunden war oben alles sauber. Horst zauberte noch eine zweite Maschine aus dem Ärmel, eine Schleifmaschine, die die Bohlen schliff und die Maserung der Hölzer wieder zum Vorschein brachte. Diese erste Begegnung legte den Grund für unsere gesamte weitere Freundschaft. Horst und Elisabeth sind helfende Freunde. Sie reden nicht nur, sie packen an. Fast immmer wussten sie intelligente Lösungen für Probleme, die wir auf strapaziöse und altertümliche Weise, eben mit Schrupper und Kehrblech lösen wollten. Dazu kommt noch etwas ganz Entscheidendes: ihre selbstverständliche Großzügigkeit. Diese, Goehte würde sagen "Großheit" in allen Lebensvollzügen – das Gegenteil aller Enge und Knickerigkeit – hat uns an euch stets imponiert. Zwischen euch und uns gab es viele wichtige Themen, über die wir Abende lang reden konnten. Zwei davon verbinden uns besonders: da ist unsere gemeinsame Liebe zu Italien und seinen Lebensformen, die von soviel spontaner Lebendigkeit und Lebenslust, soviel urbaner Schönheit und menschlicher Wärme gekennzeichnet sind. Ihr kanntet interessante Hotels in Venedig, in der Toskana, in Asolo und Ravello. Wir haben uns gern in Brixen, in Torcello beim Cipriani oder in Rom in der Pollarola aufgehalten. Viel Zeit nahmen wir uns für gutes Essen und Trinken. Unvergesslich die große Tafel im Hause Witte, schön gedeckt mit Linnen, Gläsern, Silber und Porzellan. Und wenn Elisabeth dann in der Küche verschwand und mit einem Hors d´ oeuvre zurückkam. Auberginen im Teig gewendet und in Olivenöl gebacken, wunderbare Scampi, dazu das unvergleichliche selbstgebackene Brot. Nicht lange und Horst kam aus dem Keller mit einigen Bouteillen unter dem Arm, erstklassige Chiantis aus Montalcino, oder gar einen Brunello, oder jahrelang die Grand Crus vom Weingut Mattern aus dem Elsaß.

Elisabeth verdanke ich meinen Genuss am Lamm. Vorher hatte mich schon der Geruch von Schaffleisch verjagt. Aber Lamm bei ihr war eine ganz andere Kategorie. Ich werde nicht vergessen, wie ihr uns in Zaffiros Feinschmeckerlokal einludet. Dort habe ich die ersten Jakobsmuscheln meines Lebens gegessen, genossen, gespeist. Es war jedenfalls ein neuer, köstlicher Geschmack, der mir auf der Zunge erinnerlich ist. – Nach dem Essen gab es fast immer interessante Gespräche, oft genug auch Streitgespräche. Immanuel Kant pflegte, wenn er mit seinen Freunden zu Tisch saß, darauf zu achten, dass abstrakte und schwierige Themen unterblieben. Er hatte bemerkt, dass die Herren nicht wahrnahmen, geschweige denn genossen, was sie aßen und tranken. Ausschließlich das Problem beherrschte sie. Daran haben wir uns von Fall zu Fall erinnert. – Elisabeth brachte in den letzten Jahren immer wieder Fragen der Kunst und Literatur ins Spiel. Ihr kanntet viele Künstler aus den östlichen Ländern, organisiertet Ausstellungen in eurem Betrieb, kauftet auch selbst oder bekamt Werke geschenkt. Da bliebe es nicht aus, dass wir oft sehr intensiv über Bilder geredet haben. Da gibt es noch ein gemeinsames Interesse: der Garten. Eigentlich begann jeder Besuch bei euch mit eime Rundgang durch die beiden Gärten, durch den Gemüsegarten, wo es auch Beerenobst gab und das Treibaus lag und den großen Garten um das Haus, der vergessen lässt, dass man sich einer Industrieansiedlung aufhält.

In der letzten Zeit ist noch ein uns beide betreffender Problemkreis aufgetaucht: die Endlichkeit des Lebens. Unserer Gespräche kreisen nicht mehr nur um Kunst, gutes Essen und schöne Landschaften, wir reden jetzt auch über die Gesundheit. Mistel, Goldrute und Gingko haben sich in den Kreis gedrängt und Dionysos auf den zweiten Platz verwiesen. Alle dieses Mittel entstammen nicht der chemischen Gesundheitsindustrie, sondern der Natur selbst. Eure Nahrung und eure Medizin sind von der gleichen Herkunft. Wenn sie uns behilflich sind, unsere Probleme erträglicher zu gestalten, heißen wir sie gern willkommen. Liebe Elisabeth, lieber Horst – wir sind glücklich, dass wir uns inzwischen seit 30 Jahren gut kennen und uns eine herzliche Freundschaft miteinander verbindet. Ihr gehört zu den wenigen Menschen, die unser Leben reicher und schöner gemacht haben. In dieser Zeit haben wir mit Bewunderung verfolgt, welch schönes, kultiviertes Behagen am Leben ihr entwickelt und selbst widrigen Umständen entgegengesetzt habt. Jedes gute Brot, jeder gute Schluck Wein, jede Stunde der Freundschaft oder der Liebe bedeutet ja weit mehr als kurzfristiger Wohlgeschmack und einfacher Lebensvollzug. Vielmehr ist Genuss die Grundlage einer grundsätzlichen Dankbarkeit und eines Respekts vor Menschen, vor Dingen, allgemeiner vor dem Leben, allgemeiner vor dem Sein. Dankbarkeit und Respekt sind die Bestandteile jeder Frömmigkeit.

Wir sind uns sicher, dass das Vergnügen zusammen mit euch alt zu werden und dabei jung zu bleiben sobald noch nicht beendet sein dürfte.