Leben

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Familie, Firma, Feiern

Die Grenze zwischen Arbeit und Privatleben war bei unseren Eltern nicht grade gezogen wie die Linien zwischen ehemaligen Kolonialstaaten, sondern hatte eher einen europäischen Charakter. Sie war von langen Auseinandersetzungen und vielen Verschiebungen geprägt und folgte immer nur für kurze Strecken den vorgefundenen Unterscheidungen um dann abzuknicken und Einbuchtungen und Enklaven, Korridore und neutrale Zonen zu bilden. Eine der festen und unumstrittenen Inseln war die Mittagspause, die für meine Mutter um zwölf, für meinen Vater und später auch für Michael und Jörg um ein Uhr anfing und um zwei zu Ende ging. Obwohl diese Zeit aber nach Möglichkeit von Telefonaten und Anlieferungen frei gehalten wurde, drehte sich das Gespräch immer wenigstens zum Teil um geschäftliche Fragen: Wie würde der Tagesumsatz sein, hatte der Kunde S. schon bezahlt, versuchte der Konkurrent P. billige Teppichklingen an den Mann zu bringen und wieso war die Ware aus England noch nicht eingetroffen? Ähnliches wurde natürlich auch zu allen möglichen anderen Gelegenheiten diskutiert und mischte sich zwanglos mit den Schulgeschichten der Kinder und anderen familiären Angelegenheiten. Aber nicht nur als Thema hatte die Firma in der Familie einen festen Platz. Vor allem, wenn es ein neues Rundschreiben zu verschicken galt, wurden alle verfügbaren Kräfte gebündelt, um Briefe zu falten und in Umschläge zu packen, Adressen aufzukleben und nach Postleitzahlenbereichen zu sortieren. Das geschah meistens abends und zog sich über mehrere Tage hin. Wie Bauern nach der Aussaat waren wir erleichtert, wenn die Kisten mit den Serienbriefen endlich auf der Post waren.

Bei einem selbständigen Ehepaar, das eine Firma von Anfang an ohne nennenswertes Startkapital aufbaut, würde man nichts anderes erwarten als dass die Arbeit sich in allen Bereichen des Lebens breit macht und sie dominiert. Aber anders als bei heutigen "Workoholics", die keine Interessen und keine Sorgen außerhalb der Arbeit haben und ihr Privatleben gänzlich aufgeben, war die Firma bei uns nicht überall. So zerfranst die Abgrenzung auch war, es gab große und wichtige Bereiche für Freizeit, Ferien, Familie und nicht zuletzt Feiern, die vor den Ansprüchen der Firma gut geschützt waren. Zwar schrieb sich Horst auch im Urlaub die Adresse möglicher Kunden auf -- unter den Urlaubsdias fanden wir auch Fotos von Raumausstatter-Geschäften mit gut lesbarem Straßenschild im Vordergrund -- aber nie habe ich es erlebt, dass ein Urlaub oder Ausflug verschoben oder abgesagt wurde, weil es die Firma gerade erforderte. Vor einiger Zeit sagte ein Kollege zu mir: "Wir arbeiten heute so viel, das können sich unsere Eltern gar nicht vorstellen." Den Satz fand ich bemerkenswert, weil er der überkommenen Sichtweise, dass die jüngeren Generationen den Arbeitswillen der Alten nicht mehr aufbringen, so klar entgegensteht. Für viele Angestellte, von denen einer Zeitungsmeldung zufolge heute mehr als 80 Prozent Angst um ihren Arbeitsplatz haben, mag das zutreffen, für mich sicherlich nicht. Trotzdem sehe ich den Erfolg meiner Eltern nicht nur in ihrem spektakulären geschäftlichen Aufstieg sondern vor allem darin, dass sie darüber das Leben nicht vergessen haben. Jetzt, wo ich recht genau halb so alt bin wie sie kann ich das ohne Einschränkung bewundern.

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